Die 10 Milieus und das AfD-Ergebnis – in den Ländern und im Kreis Düren

Zur Ratssitzung am 11. Oktober
AfD-Wahlergebnisse in der Stadt Düren: Vergleich mit den anderen Parteien


Die Bertelsmann-Stiftung hat eine Studie unter dem Titel „Populäre Wahlen: Mobilisierung und Gegenmobilisierung der sozialen Milieus bei der Bundestagswahl 2017“ (Autoren Robert Vehrkamp und Klaudia Wegschaider. PDF 7MB) herausgebracht, deren Ergebnisse sich wunderbar benutzen lassen, um zu untersuchen, warum die AfD in manchen Bundesländern besser abschnitt als in anderen. Und selbst auf Wahlkreisebene – also auch für den Kreis Düren – wurden Daten bereitgestellt. Dazu weiter unten. Aber auch sonst ist die Studie sehr lesenswert. Das Resultat wird in obiger „Kartoffelgrafik“ zusammengefasst: Deutschlands Wahlberechtigte wurden in 10 sogenannte Sinus-Milieus eingeteilt, wobei jedes Milieu zwischen 7 und 14 Prozent der Wahlberechtigten umfasst. Die Einteilung erfolgt dabei einerseits anhand der tatsächlichen sozialen Situation, zum anderen auf einer Selbsteinschätzung entlang der Konservativ-Progressiv-Skala. Und nun wurde ermittelt, wie die Bundestags-Parteien innerhalb der einzelnen Milieus abgeschnitten haben. Im Ergebnis wurde dann eine Diagonale quer durch die Kartoffelgrafik gezogen, welche laut der Autoren die Modernisierungsskeptiker von denn Modernisierungsbefürwortern trennt. Zur Hälfte der Modernisierungsskeptiker gehören dabei die Milieus der Bürgerlichen Mitte, der Traditionellen und der Prekären, sowie je etwa die Hälfte der Milieus der Konservativ-Etablierten und der Hedonisten (und zwar eher die konsumorientierten Hedonisten, die zwar durchaus progressiv denken, aber sich aufgrund ihrer sozialen Situation nicht jeden Fortschritt leisten können). Zur Hälfte der Modernisierungsbefürworter zählt dann entsprechend die andere Hälfte der Hedonisten (und zwar die experimentellen Hedonisten, welche sich eher an den Expeditiven orientieren, aber mit diesen sozial nicht mithalten können) und der Konservativ-Etablierten (wohl die Hälfte, die zwar konservativ denkt, aber aus dem sicheren Schutz ihres gehobenen sozialen Standes heraus den Dingen gelassener gegenübersteht), sowie vollständig die Liberal-Intellektuellen, Sozialökologischen, Adaptiv-Pragmatischen, Performer und Expeditiven. Die Diagonale zwischen beiden Hälften wird als die neue Hauptkampflinie im deutschen Parteiensystem gesehen, und die AfD hat hier momentan ein offensichtliches Alleinstellungsmerkmal: sie ist die einzige Partei, deren Wähler sich mehrheitlich (65%) in der Hälfte der Modernisierungsskeptiker befinden (was nicht heißt, dass diese ihrerseits mehrheitlich AfD wählen. Denn auch 48% der CDU/CSU-Wähler, 46% der SPD-Wähler, 41% der FDP-Wähler und immer noch 38% der Linken-Wähler und 28% der Grünen-Wähler befinden sich dort). Alle anderen Bundestags-Parteien haben ihren Schwerpunkt mehr oder weniger im Bereich der Modernisierungsbefürworter (und hier wiederum tummeln sich die übrigen 35% der AfD-Wähler).

Ermittelt wurde das Wahlverhalten in den einzelnen Milieus auf Basis der Wahlergebnisse und Wählerbefragung im Wahllokal (durch infratest dimap) in 621 repräsentativ ausgewählten Stimmbezirken (auf den selben Daten beruht auch die 18-Uhr-Prognose der ARD). Die folgende Grafik stellt die Milieu-Wahlergebnisse dar, aufgetragen als Funktion der Wahlergebnisse der AfD.

 

In drei der zehn Milieus (nämlich den drei durchweg modernisierungsskeptischen Milieus) schneidet die AfD also besser ab als im Bundesdurchschnitt (12,6%). Im Prekären Milieu wurde sie sogar zur stärksten Partei, in der Bürgerlichen Mitte (wo ihre Stimmgewinne praktisch fast vollständig von ehemaligen CDU/CSU-Wählern stammen) immerhin noch zweitstärkste vor der SPD, und im Traditionellen Milieu drittstärkste Kraft. Leicht unterdurchschnittlich, aber immer noch zweistellig, schnitt die AfD bei den Konservativ-Etablierten und Hedonisten ab, welche laut der Kartoffelgrafik zumindest zur Hälfte zu den Modernisierungsskeptikern zählen. Wenn man die Hedonisten ignoriert, scheint in dem Bereich Ordnung zu herrschen: je stärker die AfD, um so stärker auch die Linke, und umso schwächer vor allem CDU/CSU, aber auch SPD, FDP und Grüne. Betrachtet man hingegen nur die sieben Milieus, welche sich vollständig oder (Konservativ-Etablierte und Hedonisten) zumindest anteilig im Bereich der Modernisierungsbefürworter befinden, ist bei fast allen Parteien praktisch keine Korrelation zwischen deren Ergebnis und dem Abschneiden der AfD zu erkennen, es geht eher wild durcheinander. Ausnahme SPD: hier scheint sich die leichte Antikorrelation durch alle zehn Milieus durchzuziehen. Zur SPD stellten die Autoren der Studie fest, dass sie in allen zehn Milieus fast gleich abschnitt, und somit im Gegensatz zu allen anderen Parteien kein wirkliches Stamm-Milieu mehr aufweist. Bei CDU/CSU sehen die Autoren Andeutungen, dass diese sich in den nächsten Jahren in ähnlicher Weise entwickeln könnten. Interessant ist, dass nicht nur FDP und Grüne, sondern auch die Linken hier in einigen der sozial besser gestellten Milieus überdurchschnittlich abschneiden. Gleichzeitig hat die Linke aber auch eine Stammwählerschaft im Bereich der Prekären, und dieses Spagat wird zunehmend problematisch für die Partei (weshalb sie auch im Prekären Milieu stark an die AfD verlor).

Die ermittelten Milieu-Wahlergebnisse wurden verwendet, um für jedes Bundesland und sogar für jeden Wahlkreis den relativen Anteil der zehn Milieus zu berechnen (die Liste findet sich am Ende der PDF-Datei (7MB)). Die folgenden beiden Grafiken zeigen die Verteilung der zehn Milieus in den einzelnen Bundesländern. Sowohl die Bundesländer als auch die Milieus wurden von links nach rechts nach abnehmendem AfD-Wähleranteil sortiert (wie dieser sich über die Länder verteilt, wurde in einem anderen Beitrag schon diskutiert). Die Anteile der Milieus sind nicht absolut, sondern in relativer Abweichung zur Häufigkeit des jeweiligen Milieus im Bundesdurchschnitt dargestellt.  Anm: Dass Hedonisten in allen 16 Bundesländern über dem Bundesdurchschnitt liegen, ist wohl ein Artefakt der Berechnungsmethode, aber die Unterschiede zwischen den Bundesländern sollten schon aussagekräftig sein.  Ganz rechts wurden auch die Werte für den Kreis Düren hinzugefügt (bei einem Wahlergebnis von 9,6% hätte man den Kreis Düren eigentlich zwischen Bremen (10,0%) und NRW (9,4%) einordnen müssen).

Beim Vergleich der Milieu-Verteilung mit den AfD-Ergebnissen besteht zwar eine gewisse Gefahr eines Zirkelschlusses, denn schließlich ging das AfD-Ergebnis ja mit in die Berechnung der Milieu-Verteilung ein, aber letztendlich beruht die Milieu-Verteilung auch auf den Ergebnissen der anderen Parteien, und der Wahlbeteiligung, so dass das Ergebnis schon begründete Schlussfolgerungen zulässt.

Die erste Grafik zeigt die fünf Milieus mit dem höchsten AfD-Wahlergebnis. In drei davon (Prekäre, Bürgerliche Mitte und Traditionelle) lag das AfD-Ergebnis über dem Bundesdurchschnitt, deshalb wurden diese noch einmal als Top 3 zusammengefasst. In den beiden folgenden Milieus (Konservativ-Etablierte und Hedonisten) schnitt die AfD leicht unterdurchschnittlich, aber immer noch zweistellig ab. Auch diese beiden Milieus gehören zumindest zur Hälfte (und die drei erstgenannten vollständig) zum Bereich der Modernisierungsskeptiker.

Die zweite Grafik zeigt die fünf verbleibenden Milieus, welche vollständig zum Bereich der Modernisierungsbefürworter gehören und wo die AfD nur einstellig abschnitt. Bottom 7 fasst diese fünf Milieus, sowie die beiden in der vorhergehenden Grafik gezeigten Milieus der Konservativ-Etablierten und der Hedonisten, zusammen (und damit die sieben Milieus, in welchen die AfD unter dem Bundesdurchschnitt blieb).

Aus der Betrachtung beider Diagramme lässt sich folgendes feststellen:

  • Die Ursache, warum in den fünf neuen Bundesländern die AfD deutlich besser abschnitt als anderswo, erscheint offenkundig: Nirgendwo sonst sind Prekäres Milieu und Bürgerliche Mitte so deutlich überrepräsentiert. Dem steht zwar eine unterdurchschnittliche Präsenz an Traditionellen (und auch Konservativ-Etablierten) entgegen, aber insgesamt liegen die Top 3 (also die drei Milieus mit überdurchschnittlichem AfD-Wähleranteil) hier deutlich überproportional vor (über dem Bundesdurchschnitt liegen die Top 3 ansonsten nur im Saarland, hier allerdings vor allem dank starker Präsenz der Traditionellen). Warum allerdings unter den neuen Bundesländern ausgerechnet Sachsen noch einmal als AfD-Hochburg hervorsticht, ist nicht erklärbar (es fällt lediglich auf dass die Traditionellen und die Konservativ-Etablierten in Sachsen zwar auch stark unterdurchschnittlich präsent sind, aber doch noch häufiger als in den anderen neuen Bundesländern, von Brandenburg abgesehen).
  • Ebenso unmittelbar verständlich ist, warum Hamburg mit nur 7,8% für die AfD das Schlusslicht bildet: Hier spricht ja wirklich alles gegen ein Top-Wahlergebnis für die AfD Insbesondere sind in in Hamburg (immerhin die zweitgrößte Stadt der Bundesrepublik) fast alle sozial schwachen Milieus auch im Vergleich zu anderen alten Bundesländern unterdurchschnittlich präsent – wer in Hamburg arm ist, ist überproportional oft Hedonist.
  • Aber wie kann man erklären, dass die AfD in den süddeutschen Bundesländern und in Berlin besser abschneidet als in den übrigen norddeutschen Ländern? Denn von der Milieuverteilung her sollte es eher umgekehrt sein: Die besten Ergebnisse in den alten Ländern gab es in Bayern (12,4%), Baden-Württemberg (12,2%), Berlin (12,0%) und Hessen (11,9%). Die Top 3 sind in diesen Ländern allerdings deutlich weniger präsent als in den nachfolgenden Bundesländern. In Berlin sind zwar Prekäre durchaus stark vertreten, was durch einen Mangel an Traditionellen aber wieder wettgemacht wird. Für die Bottom 7 wiederum (also die sieben Milieus mit unterdurchschnittlichem AfD-Wähleranteil) gilt das umgekehrte. Lediglich das Hedonisten-Milieu (AfD 10%) und das Sozial-Ökologische Milieu (AfD 9%) haben unter den Bottom 7 ihre Schwerpunkte in und nördlich von Hessen (wobei Hessen die absolute Hochburg der Sozial-Ökologen bildet, gefolgt von Bremen, Hamburg und NRW. In Berlin hingegen ist dieses Milieu überraschend schwach. Berlin ist dafür die Hauptstadt der Hedonisten, vor NRW und dem Saarland). Damit sind auch die vier sozial schwächsten Milieus (nämlich die Top 3 und die Hedonisten) in den Südländern insgesamt unterdurchschnittlich vertreten, stattdessen führt der Süden bei den sozial stärksten Milieus: Das Konservativ-Etablierte Milieu (AfD 10%) tritt in den überwiegend katholischen Südländern überdurchschnittlich auf, im überwiegend protestantischen Norden und Osten dagegen unterdurchschnittlich. Bayern, BaWü, Berlin und Hessen liegen aber auch deutlich vorn bei den anderen drei sozial stärksten Milieus: beim Milieu der Performer (AfD 9%. Ausnahme ist hier BaWü, und absolute Hochburg Hessen), beim Liberal-Intellektuellen Milieu (AfD 7%)  und vor allem beim Expeditiven Milieu (AfD 6%) – ihre Tiefpunkte im Bereich der alten Länder erreichen diese drei Milieus in den direkt nachfolgenden Bundesländern Rheinland-Pfalz (AfD 11,2%) und Saarland (AfD 10,1%), in den Flächenstaaten im Norden sind diese dann wieder stärker vertreten, ohne aber ans Niveau der Südländer heranzukommen. Und trotzdem schneidet die AfD eben im Süden und in Berlin zumindest im Vergleich der alten Bundesländer überdurchschnittlich ab. Die eigene Zugehörigkeit zu einem bestimmten Milieu ist also offenbar nicht der einzige Faktor, welcher die AfD-Affinität bestimmt. Vermutlich spielt auch das Umfeld eine Rolle. Welches im Süden eben insgesamt sozial stärker ist.
  • Ein spezieller Blick noch auf NRW, welches zum Leidwesen der Partei eher unterdurchschnittliche AfD-Ergebnisse liefert (2017 nur 9,4%, und 2013 dürften die nur 3,9% ausgerechnet im bevölkerungsstärksten Bundesland der Gesamtpartei den Einzug in den Bundestag gekostet haben). Überdurchschnittlich präsent sind in NRW die Hedonisten, die Sozial-Ökologen und die Expeditiven. Das allein erklärt die eher miese Performance der AfD in NRW nicht – denn die beiden letztgenannten Milieus sind etwa in Hessen nochmal deutlich stärker vertreten, und dort kommen noch weitere wenig AfD-affine Milieus hinzu, trotzdem schneidet die AfD in Hessen besser ab. Bei den Hedonisten liegt NRW allerdings auf Platz 2 nach Berlin – und die Hedonisten sind in der Tat ein problematisches Milieu: Im Bundesdurchschnitt haben zwar 10% der hedonistischen Wähler der AfD ihre Stimme gegeben (welche in NRW ja nur auf 9,4% kam), aber Hedonisten neigen auch überproportional oft zur Wahlenthaltung. Hier dürfte also auch das Umfeld eine Rolle spielen. Da die Hedonisten mit einem im Bundesdurchschnitt 13-prozentigen Anteil an den Wahlberechtigten eines der größten Milieus sind, wiegt deren niedrige Wahlbeteiligung umso schwerer. Die Bertelsmann-Studie deutet zudem an, dass man die Hedonisten eigentlich noch einmal in zwei Unter-Milieus aufspalten müsste: auf der einen Seite die sozial schwächeren und eher modernisierungsskeptischen Konsum-Hedonisten (vom sozialen Status her sind sie mit den Prekären fast gleichauf, werden aber als etwas progressiver in der Denkweise verortet). Auf der anderen Seite die sozial stärkeren und eher modernisierungsbefürwortenden Experimentalistischen Hedonisten (welche in der Denkweise an die Expeditiven angrenzen, mit diesen aber sozial nicht ganz mithalten können). Bundesweit sind beide Sub-Milieus etwa gleichstark, aber in NRW mag das anders sein.
  • Und schließlich der Kreis Düren: Wenn man diesen mit NRW vergleicht, ergeben sich vor allem folgende Unterschiede: Der Kreis Düren weist etwas weniger Prekäre und Bürgerliche Mitte auf, dafür aber mehr Traditionelle und Konservativ-Etablierte. Beide liegen im Kreis Düren deutlich über dem Bundesdurchschnitt – bei Konservativ-Etablierten ist dies auf Länderebene sonst nur in Süddeutschland der Fall (aber der Kreis Düren ist ja genau wie diese katholisch geprägt).  Auch die Sozial-Ökologischen sind im Kreis Düren nochmal stärker vertreten als in NRW ohnehin schon. Demgegenüber steht eine stark unterdurchschnittliche Präsenz der Adaptiv-Pragmatischen, d.h. das soziale Mittelfeld ist im Kreis Düren insgesamt etwas geringer vertreten als in NRW, und ist von der Denkweise eher konservativ geprägt. Ebenso unterdurchschnittlich präsent sind die sozial starken Milieus der Performer, Liberal-Intellektuellen und Expeditiven (auch das Forschungszentrum Jülich hat daran nichts geändert). Die sozial stärksten Milieus sind (genau wie die sozial schwächsten) in der Summe zwar insgesamt im Kreis Düren etwas stärker vertreten als in NRW,  konzentrieren sich aber auf die Konservativ-Etablierten. Welche wiederum genau wie die Hedonisten (deren Präsenz im Kreis Düren etwa dem NRW-Durchschnitt entspricht) zwischen Modernisierungsbefürwortern und -skeptikern (und damit auch in ihrer Haltung zur AfD) gespalten sind. Und welche  (im Gegensatz zu den Hedonisten) überproportional häufig wählen gehen. Insgesamt scheint der Kreis Düren schon die Anlagen zu haben, um beim AfD-Wahlergebnis mit 9,6% knapp über dem NRW-Schnitt von 9,4% zu liegen.
Zur Ratssitzung am 11. Oktober
AfD-Wahlergebnisse in der Stadt Düren: Vergleich mit den anderen Parteien

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.